Eine sehr liebe und bekanntere Tagebuchschreiberin* hier im großen elektronischen Meer schrieb erst gestern, dass Borderline wie das Wetter sei – mit Hoch- und Tiefdruckgebieten gefolgt von allen möglichen Wettererscheinungen. Im Gegensatz zum Wetter lassen sich die Hoch- und Tiefdruckgebiete von Menschen mit BPS nur sehr schwer vorhersagen. Jedenfalls für Außenstehende. Ein Betroffener selbst kann unter Umständen und mit viel Erfahrung seine inneren Wetterlagen eventuell etwas besser prognostizieren.

Wie ich bereits gestern beschrieben habe, geriet meine innere Verlaufskurve diese Woche nicht schleichend, dennoch stetig in die Rezession. Bis fast nach ganz unten in die Depression (interessant, wie sich wirtschaftliche Begriffe auch in die Psychologie übertragen lassen). Wo sie dann gestern in einer Schleife mündete, die sich mehrmals wiederholte, so ungefähr wie in einer Achterbahn, nur dieses Mal ohne Schleudergang. Oder anders gesagt: Eine langsame Fahrt, auf der einem zwar schlecht wird, sich jedoch nicht übergeben muss.

Um etwa 6.30 Uhr stiefelte heute Morgen mein 8kg-Kater über meinen Rücken. Ausschlafen war nicht. Wie fast immer. Wobei es immerhin fast acht Stunden waren. Nicht weiter schlimm, steht doch die Apokalypse in Form von Ostern vor der Tür, und alle Menschen wollen gleichzeitig einkaufen, weil morgen schließlich die Welt untergeht. Dabei waren sie alle doch erst am Donnerstag Vorräte einkaufen. Ich machte mir einen Plan für heute, so Pi mal Daumen. Außer dem Pflichtteil „Lebensmittel besorgen“ hatte ich ausnahmsweise Lust auf die Stadt. Zumindest ein Buch von Vince Ebert oder Eckart von Hirschhausen wollte ich mir besorgen. Etwas zum Lachen und Nachdenken eben.

Allerdings stand ich vor einer Herausforderung: Seit einigen Tagen geistert der wirklich unvernünftige Gedanke bzw. Wunsch nach einem neuen Smartphone in meinem Kopf herum. Nein, diese Vorstellung hat sich manifestiert. Ich habe ein neues Objekt der Begierde, ausnahmsweise in nicht menschlicher Form. Begierde trifft es sehr gut. Nur selten frisst sich ein Gegenstand so fest in mein Gehirn, welcher das Haben-will-Lechzen auslöst. Furchtbar. Ein technisches Gerät bildet eine neue, vorübergehende Blase, es füllt fast vollständig den Raum meines Kopfes aus. Fehlt nur noch das Kribbeln im Bauch. Dafür kribbelt es gehörig in den Fingern. Es juckt. Es reizt so sehr.

Doch zuerst hielt ich mich im Zaum und an den Plan: Buch kaufen, denn das stand fest. Und erst dann zum Elektronik-Riesen im selben Gebäude. Da stand es. Im Schrank. In geselliger Runde mit seinen Kollegen des selben Herstellers. Es lachte mich an. Mit seiner intensiven Farbe rief es förmlich: „Ich bin rot und ich bin dein!“

Impulsives Verhalten ohne Rücksicht auf eventuelle Konsequenzen. In der Vergangenheit war ich viel zu oft davon bestimmt. Auch bei Käufen. Und dieses Mal musste ich mir wirklich laut sagen: „Das ist total unvernünftig.“ So zog ich von Dannen, ging nach Hause. Zufrieden mit dem Buch. Stolz auf mein erwachsene Entscheidung. Und weiterhin mit dem Jucken in den Fingern.

 

 

*An dieser Stelle bin ich mir völlig unsicher, ob sie verlinkt werden möchte, deshalb lasse ich das offen und es kann nachträglich getan werden.