– WARNING. WALL OF TEXT AHEAD. –

Was hier wie eine Nicht-Pflege meines wohlgemerkt wenig gelesenen Blogs angeht, ist ausnahmsweise kein Spiegel meiner Seele. Dieses Recht behält sich nach wie vor meine Wohnung vor. Das Nicht-Erscheinen von Beiträgen liegt auch nicht am fehlenden Willen, sondern mehr an den fehlenden Worten.

»Wo ich bin, herrscht Chaos – aber ich kann ja nicht überall sein.«

Weniger ein Lebensmotto, sondern eher die Beschreibung dessen, was mein Leben wie einen roten Faden durchzieht. Und bevor ich mich in seitenlangen Erzählungen verliere, fasse ich die vergangenen Monate kurz* zusammen:

Akt 1 – Ausbruch

Im September trat ein Freund mit einem älteren, dafür aktuell werdenden Anliegen an mich heran. Ob ich eine Woche für ihn zur Probe arbeiten könne. Klar, schließlich hatte es bis dato mehr als zwei Jahre gedauert, bis dieses Vorhaben eine stabile Basis bilden konnte. Auf der anderen Seite meldete sich – nicht unerwartet – die Angst vor Veränderung, die viele Menschen kennen. Und im Hintergrund hob dann zusätzlich das schlechte Gewissen auch den Zeigefinger: »Jetzt musst du deiner besten Freundin erklären, dass das Thema Jobwechsel doch nicht ad acta gelegt wurde.« Dieses schlechte Gewissen wurde in den wenigen Wochen von September bis Anfang Oktober so groß, dass es in einem erneuten Akt gleichzeitiger Im- und Explosion mündete. An einem Mittwoch stieg die Anspannung zum ersten Mal seit August wieder auf über 70. In meinem Kopf titschten Gedanken völlig unkontrollierbar umher, sodass ich die Flucht nach Vorn ergreifen, raus aus dem Büro und hin zu meiner besten Freundin fahren musste. Auch wenn es seltsam klingt: Trotz allem, was uns unterscheidet, bei ihr finde ich oft einen sicheren Ort. Verrückterweise sprachen wir an diesem Tag über wirklich alles, was uns verbindet – das war viel mehr, als ich bisher dachte. Da ist ein Mensch, der mich wirklich als Freund braucht. Und da ist wirklich ein Mensch, der mich als Freund braucht. Dass dieser »Zusammenbruch« noch von wesentlicher Bedeutung sein würde, war mir zu diesem Zeitpunkt nicht klar, sondern wurde mir erst Wochen später bewusst.

Akt 2 – Wurzeln

Mitte November war es dann soweit: Die Woche Probearbeit stand in den Startlöchern, alles war vorbereitet, die Tickets gekauft, die Unterkunft inklusive zweier Samtpfoten wartete auf mich, dort natürlich auch eine Freundin und deren Freund. Ich fuhr Sonntag mit dem Zug. Eine ganz normale Sache. Eigentlich. Denn davor stand ein Abschied von meiner besten Freundin, bei dem eigene Wünsche auf beiden Seiten völlig hinten angestellt wurden, nur um meine mögliche Entscheidung nicht zu beeinflussen – und um nicht zu weinen. Bekloppt. Allerdings war das enorm wichtig. Schließlich ging es hier um meinen weiteren Lebensweg, und nicht um den meiner besten Freundin und den meines Patenkindes.

So verbrachte ich fünf Tage in einer Stadt, die ich bereits zuvor lieb gewonnen hatte – und fühlte mich durchgehend unwohl. Um keine voreiligen Schlüsse zu ziehen, blieb ich innerlich neutral und bewertete meine Gefühle nicht. Ich war dort, um mir einen Eindruck über meinen möglicherweise neuen Arbeitsplatz zu verschaffen. Mit meinen Freunden stand ich in Kontakt, und ich muss ihnen sehr zu Gute halten, dass sie in der gesamten Zeit keine beeinflussenden Äußerungen verlauten, sondern mich einfach machen ließen. Am letzten Tag bat ich mir zwei Wochen Bedenkzeit aus und fuhr Richtung »Heimat«.

Was folgte, waren zwei Wochen emotionaler Achtsamkeit, wie ich sie in dieser Form selten habe. Im Vordergrund stand dieses Gefühl des Unwohlseins, als hätte man nasse Schuhe und Socken, die man möglichst schnell wieder ausziehen möchte. Jedoch konnte ich keine Worte dafür finden. Es war da und nichts machte mehr Spaß. Je näher der Tag X rückte, desto schlimmer wurde es. Als mein Kumpel dann auch zwei Tage vor der Frist anrief um zu fragen, ob ich bereits eine Tendenz haben würde, zog sich Alles in mir zusammen. Was mich zu der Schlussfolgerung brachte, dass ich mich dagegen entscheiden sollte. Mehr Geld, schöne Stadt, spannende Projekte hin oder her – die Erkenntnis, in den vergangenen Jahren hier doch so etwas wie eine Heimat gefunden zu haben, dass ich hier doch mehr verwurzelt bin als ich zu glauben meinte, verfestigte sich immer mehr, ich spürte sie förmlich in jedem Atemzug. Erstaunlicherweise fühlte sich das gut an. Wer hätte das gedacht.

Auch bei meiner besten Freundin war die Anspannung groß. Ich merkte das bei jeder Begegnung und bei jedem Kontakt, obwohl sie wenig dazu sagte und mit ihrem Entschluss, mich nicht beeinflussen zu wollen, standhaft blieb. Nach dem Entscheidungstelefonat schickte ich ihr eine Sprachnachricht, dass ich meine Entscheidung getroffen und mitgeteilt hatte. Sehr vorsichtig fragte sie: »Und?« Worauf ich kurz antwortete: »Ich bleibe hier.« Der Freudentaumel am anderen Ende der Leitung war schwer zu überhören. Als wäre ihr ein Stein vom Herzen gefallen. Irgendwie war mir nicht so ganz bewusst gewesen, wie sehr auch sie das belastet hatte.

Akt 3 – Taub

Oh du fröhliche. Weihnachtszeit, Ignorierzeit. Meine zahlreichen Persönlichkeiten und ich ignorieren jedes Jahr diese scheinheilige Zeit. Jahresendspurt im Büro, alle um mich herum lechzen nach ein paar freien Tagen, und mich fegte es kurz vor Heiligabend mit einem grippalen Infekt erneut ins Krankenlager namens Wohnung. Verreisen durfte ich laut Arzt nicht, zu ansteckend. Auf der einen Seite eine Erleichterung, so konnte ich den unspaßigen Beisammenseinsritualen familiärerseits fernbleiben. Andererseits klopfte im Hinterstübchen der Kamerad Weihnachts-Blues an die Wände. Alleine an den Feiertagen kann sehr deprimierend sein. Da ist man krank, alleine, muss sich selbst mit Essen versorgen, und zu guter Letzt bildet sich in einem Ohr ein schmerzhafter Paukenerguss, der einen zusätzlich halbwegs taub macht. Ich jammerte nicht, ich litt nur ein wenig. Die Terrorkümel hatten scheinbar auch Ohrenschmerzen, denn die meldeten sich kaum. Zum Glück. Zwischen Weihnachten und Neujahr war meine auditive Wahrnehmung ziemlich eingeschränkt, immerhin mit weniger werdenden Schmerzen. Viel unternehmen konnte ich nicht.

Und an Silvester, wirklich kurz bevor meine beste Freundin mich zum Ohrenarzt im Notdienst fahren wollte, der köstliche Notfallsprechstunden zwischen 10-12 Uhr und 18-19 Uhr hatte, »löste« sich beim Naseputzen endlich etwas von der Flüssigkeit, von da an ging es langsam bergauf. Zumindest physisch. Psychisch befand ich mich zwischen Axt und Seil. Das konnte alles nix. Was es jedoch konnte, war die Wiederkehr eines Problemverhaltens. Da in anderen Bereichen Fortschritte zu verzeichnen waren, wollte mein Therapeut nun an diese Thematik gehen. Grmpf. »Ich betreibe kein Frustsaufen mehr, ich füge mir körperlich keine Schmerzen mehr zu, jetzt will er mir auch noch das nehmen.« Der Gedanke daran, mein so ziemlich letztes Problemverhalten abgeben zu müssen, bereitete mir großen Unbehagen. Zumal die menschliche Psyche dazu neigt, sich eher einen adäquaten Ersatz zu suchen als Situationen aushalten zu müssen. Er gab mir einen Fragebogen zur »Verhaltensanalyse zu Problemverhalten« mit, allein der müsste schon Motivation genug sein, keine freiwilligen Unterhaltungen mit Porzellanschüsseln im Bad mehr zu führen. Aber watt mutt, datt mutt. Er bestand darauf.

Nach dem ersten Vorfall seit Aushändigung des Analysebogens hatte ich zwei Wochen Zeit, um alle Fragen zu beantworten. Eine Woche krank sein und eine Woche Stress zählten bei ihm leider nicht als Ausrede, als ich das dann doch nicht gemacht hatte. Er war ein wenig enttäuscht. Ups. Der zweite Vorfall ließ erwartungsgemäß nicht lange auf sich warten. Nur zwei Wochen später war es wieder soweit. Mit unangenehmen Konsequenzen: Meine beste Freundin war nach dem ersten ein bisschen sauer, dass das schon wieder passiert ist, sodass sie mich dazu genötigt hat, in ihrem Beisein meine bereits verfassten Antworten zu diesem verkackten Fragebogen durchzugehen. Sie war nicht zufrieden, weshalb sie an vielen, vielen Stellen genauere Beschreibungen meines Handelns haben wollte und was mir dabei durch den Kopf ging. »Hauptsächlich Essen«, hätte ich am liebsten gesagt. Die bewusste, nachträgliche Auseinandersetzung mit meinem Verhalten trieb mich etwas in den Wahnsinn. Es machte mich aggressiv und traurig zugleich. Worin ein bisschen der Sinn der Übung liegt. Situationen analysieren und für die Zukunft besser vorhersehen und dagegen steuern können.

Akt 4 – Versuch

Seit Anfang Februar haben wir endlich wieder eine Azubine im Büro. Sie hat zuvor zwei Wochen Praktikum bei uns gemacht, und sie hat sich recht gut geschlagen. Durch ihre Lebenserfahrung ist sie im Kopf schon weiter als die meisten Bewerber, und das macht sich im Alltag positiv bemerkbar. Sie weiß eben, wie der Hase läuft und beißt sich durch.

Noch während ihres Praktikums standen mein Kollege, sie und ich morgens in der Küche, als sie völlig unvermittelt zu mir sagte:

»Du, ich hab’ da ne Freundin, die ist gerade auf der Suche, und ich denke, ihr könntet gut zueinander passen.«
»Ääääh. Hääää?«
»(Wortschwall)«
»(NEEEEEIIIINNNN) Ähm … äh … ähä …«
»(Wortschwall)«
»(NEINEINEINEINEIN) Ja, okeeee.«
»(Wortschwall, Bilderflut)«
»(Grummelgrmpf) Mhm.«

Wenige Momente später lag auf  meinem Platz ein Zettel mit der Handynummer einer Frau, von der ich nun den Namen, Hobbies, Alter, Beruf und Ernährungsstil wusste. Und in meinem Kopf ploppten sehr viele »Hä?«s auf.

Nach einem Tag nahm ich meinen Mut zusammen und schrieb sie einfach an. Sehr unverfänglich, sehr unverbindlich. Es war der Gedanke »Ich kann mich Menschen gegenüber ja nicht ewig verschließen«. Es entwickelte sich eine sehr entspannte, neugierige und langwierige, über Wochen anhaltende Unterhaltung. Zwischendurch ermahnte ich mich immer wieder zur Zurückhaltung in Gedanken und Gefühlen. Oberstes Gebot: nicht wieder unglücklich verlieben. Unter dem Pseudonym »Kaffeekränzchen« hatten wir unsere erste Verabredung, die ehrlich gesagt länger dauerte, als ich erwartet hatte. Unser zweites Treffen fand als »Mädelsabend« gemeinsam mit ein paar Freundinnen unserer Azubine, ihr und meiner Wenigkeit statt. Es war ein langer, sehr feuchtfröhlicher Abend, gegenseitige Sympathie war nun nicht mehr zu verleugnen. Auch am nächsten Tag, im verkaterten Zustand. Es verlief alles sehr jugendfrei, was auch gut so war. Wenige Tage später platzte dann die Blase. Zwar waren beide Parteien sich im Laufe der Zeit wirklich sympathisch und auch irgendwie wichtig geworden, doch auf ihrer Seite entstand Chaos und Zwiespalt, weil sie sich eigentlich vorgenommen hat, noch auf unbestimmte Zeit Single zu bleiben. Dumm gelaufen. Da fahre ich nach sechs Jahren Single-Dasein ein bisschen die Fühler aus, und dann sowas. Eigentlich eine gut zu rechtfertigende Gelegenheit, dem Porzellangott wieder Opfer darzubieten. Habe ich aber nicht gemacht. Auch wegen der damit drohenden Verhaltensanalyse.

Akt 5 – MeVolution

Anstatt die Flinte ins Korn zu werfen, wahlweise den Kopf gegen die Wand zu schlagen oder sonstiges kompensierendes Verhalten an den Tag zu legen, machte ich für mich »einfach« weiter. Ich weinte genau einen Abend lang, dann war es damit in Ordnung. Was nicht bedeutet, dass es mir egal war. Ich musste dieses Mal eben einen anderen Weg finden, um in der Bahn zu bleiben und nicht hin und her zu taumeln, vorwärts oder rückwärts. Irgendwann musste sich die jahrelange Therapie schließlich bemerkbar machen.

Am Ende von Akt 1 schrieb ich davon, dass der Zusammenbruch im Oktober sein Gutes hatte. Das war ein kleiner Meilenstein in meiner Entwicklung – und in der Freundschaft zwischen meiner besten Freundin und mir. Denn seither konnten wir noch offener, direkter und unmittelbarer miteinander reden, wenn uns etwas nicht passte, belastete oder es uns nicht gut ging, ohne dass die jeweils andere es krumm nehmen konnte. Zusätzlich merkte ich die sinnlosen Automatismen in meinem Kopf, wenn sich bei ihr wieder männertechnische Veränderung anbahnte, dass mich das nicht mehr so kratzte wie zuvor. Da reißen ein paar Terrorkrümel einfach automatisch den Mund auf, schreien Dies und Das, wollen mich verunsichern – und das ist so lächerlich. Hier bin ich also gewachsen. Wundervoll. Auch meinen Freunden ist das aufgefallen und sie sprechen mich darauf an. Das macht natürlich Mut.

Was diese Frau betrifft, gestaltet sich das Innenleben sicherlich komplizierter. Eine typische Reaktion wäre sofortiger Kontaktabbruch gewesen inklusive dem Löschen des Chats und deren Nummer. Tschüss und auf Nimmerwiedersehen. Von der emotionalen Seite her betrachtet wäre es die beste Lösung für mich. Von der menschlichen Seite her erscheint mir das zu radikal, denn sie ist nicht mein Problem und sie hat mir nichts getan, wir verstehen uns nach wie vor, nur sehen kann ich sie derzeit nicht. Das täte beiden von uns nicht gut. Also lasse ich jetzt fürs Erste etwas Gras über die Sache wachsen. Je nach Sorte kann das länger oder kürzer dauern, aber das weiß ich erst, wenn es soweit ist. Ich möchte einfach auch kein Arschloch sein – was ich anderen Menschen gegenüber so oder anders nicht wirklich kann, es sei denn, sie werfen mir vor, ich sei krank im Kopf:


(Das ist ein Screenshot eines unveröffentlichten Beitrags vom vorletzten Jahr, in dem ich diese Situation beschreiben wollte. Dieser Person habe ich ein paar Monate nach diesem Vorfall die Freundschaft gekündigt. Ich war sehr stolz auf mich.)

Jeder Mensch hat seine eigenen Wege, wie er mit einer zwischenmenschlichen Situation umgeht. Und ich bin gerade dabei, mal einen anderen Weg auszuprobieren. Da heute wieder ein dieser freien Freitage mit innerer Leere ist, lenke ich mich weitestgehend vom Geschehen in meinem Kopf ab: Wäsche waschen, aufräumen, einkaufen, Serien gucken, still sein, Rückzug, nicht den Staub auf dem Katzen-Altar wischen (dort stehen meine drei eingäscherten Katzen und wenn ich dort Staub wische, werde ich oft traurig), wenig Kommunikation. Und morgen geht es weiter.

*War irgendwie nix mit kurz zusammenfassen …

 

P.S.: Falls du das hier bis zum Ende gelesen hast, so hoffe ich, dass der tiefergehende Einblick in meinen kaputten Kopf dich nicht erschreckt, verunsichert oder sonst etwas in der Art. Wenn ich es mir so richtig überlege, komme ich ein Mal mehr zu dem Schluss, dass deine Entscheidung gut war – denn so jemand wie ich ist nicht einfach zu handhaben. Manchmal tut es mir noch leid, dass ich ein solches Gefühlschaos in dir verursacht habe. Bleib dir selbst treu, denn das macht dich besonders.

----- Stör E N D E -----